Wer ist religiös? Impulse zur Neu-Definition aus religionsphilosophischer Sicht

Dr.Peter Heigl

Die Definition, was Religion sei, darf man nicht Dogmatikern überlassen, weder religiösen Fundamentalisten noch dezidierten Religions-Hassern.

Rabbiner, Priester, Mullahs, Würdenträger jeglicher Religion geben meist nur ihre subjektiven Wahrheiten und Irrtümer wieder.

Goethe und Einstein nannten sich selber religiös. Von ihren eigenen Religionsgemeinschaften wurden sie aber als Abtrünnige bezeichnet.

Für die meisten ihrer so genannten rechtgläubigen Gegner waren sie nicht religiös genug.

Dabei vertraten sie Inhalte, die später Einzug hielten in das Allgemeingut. Sie selber hatten Gott sei Dank die Größe und Bedeutung, dass ihnen die Ablehnung durch engstirnige Zeitgenossen nichts anhaben und schaden konnte.

Auch Sokrates, Konfuzius, Lessing, Spinoza oder Kant wurden als gottlos bezeichnet. Sie waren den meisten ihrer Zeitgenossen nicht religiös genug. Sie selber haben sich als religiös bezeichnet.

Warum soll man es ihnen verwehren? Religiöse Eiferer werden es tun.
Philosophisch anspruchsvolle Menschen sollten es nicht tun.

In diesem Punkt halte ich es mit Immanuel Kant:

Über metaphysische Fragen kann der Mensch keine endgültigen Aussagen treffen.

Ein Blick auf die Menschheitsgeschichte zeigt uns: Es ist genug Blut geflossen im Kampf um theologische Streitfragen, die wir heute zu Recht als unsinnig erachten.

Jedem Menschen sei deshalb sein eigenes Gottesbild gestattet.

Religiöse kosmopolitische Offenheit dient uns heute mehr als dogmatische Grenzziehungen.

Philosophische Bescheidenheit ist angesagt, um nicht wieder ins finstere Mittelalter zurück zu fallen.

Dogmatiker und Fanatiker beziehen ihre Stärke aus der Überzeugung, dass sie die Wahrheit haben und die anderen nicht. Einem überzeugten Theologen kann man immerhin entgegen: Was immer Du mir mit Hilfe Deiner Heiligen Schriften sagen willst über Deinen Gott, es muss dennoch gelten: Deus semper maior. Und vor allem würde ich ihm sagen: Wenn Dein Gottesbild nicht auch zu Frieden unter Menschen führt, ist es ein verfehltes und falsches!

In punkto Religion, Weltanschauung und Politik wird es immer verschiedene Positionen geben. Man muss jeden kritisch denkenden Menschen verstehen, der auf Grund seines historischen Wissens oder persönlicher schlechter Erfahrung mit religiöser Hierarchie nichts am Hut haben will, mit traditionellen religiösen Praktiken nichts anfangen kann.

Wer sich lieber als nicht-religiös kategorisiert, hat meist genug Gründe, dies zu tun. Er grenzt sich damit ab vom herkömmlichen religiösen Denken.

Philosophische Geister nehmen sich das Recht, die Heiligen Schriften zu hinterfragen. Streng religiöse Menschen halten dies für Anmaßung. Wie kann der Mensch mit seiner Ratio über Gottes Worte urteilen. Für philosophische Geister aber sind die heiligen Schriften inspiriert, aber immer auch zeitbedingt und von Menschen geschrieben.

Religiöse Denker sehen hier Grenzen. Die Heilige Schrift ist für sie unantastbar, und man darf sie nicht mit der Ratio sezieren, hinterfragen, gar kritisieren. Religiöse Dogmatiker wollen Menschen, die dies dennoch tun, nicht in ihren Reihen haben. Wer dies aber aus Gewissensgründen tut, – warum soll er sich dann noch zu denen drängen, die ihn gar nicht haben wollen? Warum soll er sich hineinzwängen unter das Dach der Religiösen. Es wäre eher ein Akt der Ehrlichkeit zu sagen: Ihr versteht Religion so, ich verstehe sie anders, also gehöre ich nicht zu Euch.

Ist es nicht ein Etikettenschwindel, wenn sich jemand religiös nennt, der sich aber von offiziellen religiösen Lehrmeinungen längst verabschiedet hat? Soll er sich nicht einfach als einen Menschen bezeichnen, der an religiösen und philosophischen Fragen interessiert ist?

Nein! Es ist wie in der Politik. Ein aktiv politisch denkender und handelnder Mensch darf sich als politisch kategorisieren. Unabhängig davon, ob er einer Partei zugehört oder nicht, ob er einer Partei ganz oder teilweise zustimmt, auch unabhängig davon, ob er einer Partei zugehört oder nicht.

Wer sein Denken und Handeln speist aus dem Fundus, den wir Religion oder religiöses Denken nennen, kann sich mit Fug und Recht religiös nenne. Sein Denken ist nicht nur ökonomischer, logischer, rechtlicher und sozialer Natur. Es ist immer auch eingebettet in eine übergeordnete Dimension, die wir geistig oder spirituell oder metaphysisch oder eben auch religiös nennen.
Dieses Denken ist ihm geistige Heimat.

Er will diese geistige Heimat behalten. Er kann sie freiwillig verlassen, er darf aber nicht daraus vertrieben werden. Für viele Menschen ist diese geistige und spirituelle Heimat auch zugleich soziale Heimat mit hundertfältigen sozialen Beziehungen. Mancher Mensch hängt sehr daran. Er muss diese Fäden, an denen er hängt, nicht selber durchschneiden.

Fazit: Es ist eine falsche Grenzziehung:
Hier Religiöse innerhalb der Religionen und religiösen Gemeinschaften,
– und hier die Menschen außerhalb religiöser Zugehörigkeit.

Religiosität als Lebenshaltung ist unabhängig von einer Mitgliedschaft in religiösen Gemeinschaften oder Kirchen.

Das Dach der Religion ist weiter zu spannen als es die Amtsträger aller Religionen tun.

In diesem Sinne kann ich mich Christ nennen, wenn ich ein Leben führen möchte, das von christlichen Grundsätzen geleitet ist, auch wenn ich bei keiner der christlichen Gruppierungen aktiv mitwirke.

Richtig ist zwar: Christliche Ethik ist auf ethisches Tun angelegt. Und dies geschieht vornehmlich in Gemeinschaft.

Aber diese Gemeinschaft ist, so verstehe ich Jesus von Nazareth, die geistige Verbundenheit derer, die in seinem Sinne leben wollen. Er hat keine Gemeinschaft gewollt, die sich einem religiösen Dogma unterzuordnen hat. Wichtiger als Glaubensformeln ist praktizierte Nächstenliebe.

Nachtrag

Die oben genannte Position ergibt sich als Konsequenz aus den folgenden Definitionen von Religion, Christentum, Kirche, Konfession.
Es sind Definitionen, die einem freien und religiös offenem Geist entgegen kommen, als Korrektiv zu offiziellen und hierarchisch geprägten Definitionen, aber auch als Korrektiv zu polemisch und antireligiös geprägten Definitionen.

Religion:

Das Wort Religion kommt vom lateinischen Wort re-ligio ist Rück-Bindung. Das Wort Religion wird hergeleitet von dem lateinischen Wort relegere = genau hinsehen, gewissenhaft beobachten (nach Cicero) und von religari = rück-gebunden sein (Lactantius). Re-ligio kann also gedeutet werden als a) gewissenhaftes Beachten von Ritualen, Gesetzen, Ideen etc., b) als Rück-Bindung des Menschen an höhere Mächte, Götter, an einen Gott, an einen höheren oder höchsten Wert. Religion speist sich aus zwei Quellen, die man wissenschaftlich untersuchen kann: 1. die Traditionen und Rituale einer Gemeinschaft, 2. das religiöse Erleben und Fühlen des einzelnen, seine Haltung gegenüber seinem höchsten Wert. Religionen sind meist auch Kult-Gemeinschaften. Kulte und Rituale haben sich entwickelt aus Festen und Feiern, Ritualen und Zeremonien zu Festen der Jahreszeiten, zu Trauer und Tod, Vermählung, Initiationsriten und besonderen Lebens-Situationen. Meist sprechen wir erst dann von Religion, wenn eine größere Gruppe oder Gemeinschaft durch ähnliche Rituale die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Form von Religion zeigt. Allerdings gilt auch: manche Menschen und Gruppen fühlen sich sehr wohl einem höchsten Wert oder einer Idee verpflichtet, lehnen aber verpflichtende Kulte und Rituale ab. Seit Jahrtausenden versuchen Religionen, Orientierung zu geben auf Grundfragen des Lebens. Wie sollen wir (richtig) leben? Wie kann man glücklich werden? Und auf die theoretischen Fragen: Woher kommt die Welt? Wo geht sie hin? Was ist nach dem Tod? Was ist der Sinn unseres Lebens? Was ist der Sinn von Leid? Warum gibt es Leid und Tod? Die Quellen der Religionen sind äußerst vielfältig: Traditionen, Bräuche, Riten, Mythen, Legenden, Berichte, heilige Gesetze, Dichtungen, heilige Schriften, mündliche Überlieferung etc.

Christentum:

Es ist die Religion, die auf Jesus Christus von Nazareth zurückgeht. Er wurde von seinen Jüngern teils vor, aber vor allem nach seinem Tod als Sohn Gottes gesehen und interpretiert. Die Interpretation des Ausdrucks „Sohn Gottes“ gehen bereits in den ersten frühchristlichen Jahrzehnten und Jahrhunderten weit auseinander. Im 4. Jahrhundert nach Christus wurde das Christentum Staatsreligion im Römerreich. Die Verbindung mit der Staatsmacht brachte zwar am Anfang Vorteile, später brachte es erhebliche Probleme. Im Verlauf der Zeit entwickelte sich das Christentum zu einer Religion mit festgeschriebenen Dogmen, Ritualen und Hierarchien. Von Anfang an gab es innerhalb des Christentums immer auch Reformbestrebungen. Im Verlauf der beiden Jahrtausende bis heute kam es zu vielfältigen Formen und Ausprägungen des Christentums. Die einzelnen Formen des Christentums haben sich oft erbittert bekämpft. Erst in den letzten sechzig Jahren versucht man wieder mehr das Gemeinsame zu sehen: die Ausrichtung an der Lehre des Jesus von Nazareth: die Lehre von Gewaltlosigkeit, Barmherzigkeit, Güte, Liebe, Verzeihen, Vergeben.

Konfession:

Das Wort Konfession geht auf das lateinische Wort confiteri = bekennen und confessio = Bekenntnis zurück. Das erste christliche Bekenntnis lautete schlicht: Jesus ( ist) Christus. Gemeint war: Jesus, der Mann aus Nazareth, ist der Messias, hebräisch = der Gesalbte, griechisch = Christus, d.h. Jesus Christus zeigt den Weg zum Heil. Zu Zeiten der römischen Staatsreligion musste man ein Bekenntnis ablegen zu Kaiser und Reich und zur Staatsreligion. Man bekannte sich damit zur christlichen Lehre, in erster Linie aber auch zu der von Kaiser und Obrigkeit gewünschten Interpretation des Glaubens. Wer das Bekenntnis nicht ablegte, outete sich sozusagen als Staatsfeind. – Ab dem 4. Jahrhundert nach Christus aber wurden die Bekenntnisse immer komplizierter. Ein Dogma gebar das nächste. Und entsprechend komplizierter wurden die Glaubensbekenntnisse. Kaiser und Kirche haben die Bekenntnisse von den Gläubigen gefordert. Immer wieder wurden von verschiedenen christlichen Gruppierungen neue Bekenntnisse formuliert. Sie stellten meist eine Gegenposition dar zu umstrittenen Positionen. Ein sehr bekanntes Beispiel ist die Confessio Augustana.

Kirche:

Das Wort Kirche kommt aus dem Griechischen. Kyrios = Herr, kyriakos = dem Herrn gehörend. oikia kyriake = das Haus, das dem Herrn gehört. ecclesia cyriaca = die dem Herrn gehörende, geweihte Gemeinschaft. Ekklesia ist das griechische Wort für die Zusammenrufung, die Versammlung; es meinte die Zusammenkunft der wahlberechtigten Bürgerschaft, also die Volksversammlung. In den ersten christlichen Jahrzehnten und Jahrhunderten meinte man dann mit griech. ekklesia kyriake und lat. ecclesia die Gemeinschaft, die sich dem Herrn verbunden fühlt. Im Verlauf des Staatskirchentums wurde es zum Synonym der Institution Christentum. Und man bezeichnete schließlich auch das Gotteshaus nicht mehr als templum = Tempel, sondern bevorzugte als Abgrenzung zum religiösen Kult der griechischen und lateinischen Götterkultes den Namen ecclesia oder kiriake > kirke > kirche. Schließlich wurden die Worte für die Gemeinschaft und für das Bauwerk identisch.

Heute wäre es sinnvoll, die Begriffe wieder auseinander zu halten.

Denn so mancher hält viel vom Christentum und seiner ursprünglichen Lehre mit seinem ethischen Anliegen, aber nicht viel von der Kirche als Institution.

Und manch einer liebt seine Ortskirche und seine Gemeinschaft und ihre Menschen, hält aber nicht viel von der kirchlichen Hierarchie und Institution.

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