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Peter R. Heigl

 

MINIMA  RELIGIOSA

Minimalkonsens für eine Spiritualität in der globalen Welt

 

Der Dumme schaut auf die Verschiedenheit der Religionen,
der Weise auf das Gemeinsame.                       
Chinesisches Sprichwort

 

Ein heutiger wissenschaftlich denkender Mensch weiß:  unser Sonnensystem ist eines von vielen Sonnensystemen, und wir sind alle Kinder dieses großartigen Universums. Der Mensch inmitten dieses großartigen Universums stellt die Frage nach dem Woher und Wohin des Universums, nach dem Woher und Wohin des Menschen und nach dem Sinn seines Daseins.

 

Religionen, Philosophien und Wissenschaften geben Antwort auf diese Fragen. In ihren jeweils verschiedenen Sprachen, mit jeweils verschiedenen Antworten.

 

Die Antworten sollte man anhören, denn aus allen Antworten kann man lernen. Selbst wenn es nur die Bestärkung der eigenen Position ist. Aber der Dialog ist sinnvoller als fanatisches und dogmatisches Beharren auf dem eigenen Standpunkt. Das bringt Streit und Krieg. Dialog fördert Frieden. Als Philosoph und Religionswissenschaftler möchte ich ein Dach spannen über die verschiedenen Sprachen und Inhalte  von Religionen und Wissenschaften.

 

Ich versuche die Brücken zu sehen zwischen den Religionen, nicht die Abgründe. Und ich versuche die Brücken zu sehen zwischen der Sprache der Religionen und der Sprache der Wissenschaften. Meine Argumente gründen zum einen auf Beobachtung, Kenntnis der Geschichte, Geschichte der Religionen und der Theologien, der Sprachgeschichte und der Wissenschaftsgeschichte. Und letztlich auf eigener Erfahrung, die immer auch persönlich ist.  Übereinstimmung für wissenschaftlich gebildete Menschen herrscht in folgendem Punkt: 

 

Alle metaphysischen Aussagen sind Bildersprache. Sie sind nur unvollkommene Aussagen.  Sie sind menschliche Aussagen. Die letzte Wahrheit können wir Menschen mit unserem Geist und unserer Sprache nicht erkennen. Denn das menschliche Gehirn kann nur in seinen eigenen Kategorien denken. Inwieweit diese mit der letzten Wirklichkeit und Wahrheit übereinstimmen, wissen wir nicht. Die Theologie das Mittelalters drückt dies aus in dem Satz: Deus semper maior. Gott ist immer größer. Das Göttliche ist immer größer.

 

In diesem Sinne wissen wir: Alle metaphysischen Aussagen stehen unter dem Vorbehalt, dass wir vieles nicht sicher wissen, aber immerhin erhoffen können. Dazu gehören Aussagen über Gott oder Götter oder das Göttliche, Aussagen zur Seele, zum Weiterleben nach dem Tod, zur Willensfreiheit, zum Sinn und Zweck des Lebens, zum Woher und Wohin  des Kosmos und des Menschen darin.  

Re-ligio

 

Das Wort  religio  wird abgeleitet von lat. re-legere =  beachten und auch von lat. re-ligare = rück-binden. Ein homo religiosus  ist nach Cicero, der im 1. Jahrhundert vor Christus lebte,  ein Mensch, der die heiligen Gesetze beachtet. Er weiß sich an sie gebunden und fühlt sich ihnen gegenüber verpflichtet. Es sind dies die Gesetze gegenüber Mitmensch, Gemeinschaft, Staat, Natur, Götterwelt, dem Göttlichen Logos.

 

Religion wird heute meist wie folgt verstanden: Das Festhalten an wichtig und wertvoll, ja heilig  erlebten Überzeugungen, verbunden mit einer entsprechend gelebten Lebenspraxis: Gott, Götter, göttliche Werte, heilige Schriften, heilige Personen, heilige Orte, heilig empfundene Gesetze und Riten, Rituale, Bräuche  etc.

 

Religion ist meist, aber nicht immer, organisiert  in Religionsgemeinschaften. Sie haben meist, aber nicht immer, feste Rituale, Gebräuche, Gesetze.

 

Kern der Religionen ist das religiöse Empfinden, das Sich-im-Einklang-fühlen, Sich-Eins fühlen mit höchsten Werten:  Gott, das Göttliche, Weltengeist, Schöpfer und Schöpfung  etc. Diese Empfinden wird in verschiedenen Kulturkreisen jeweils verschieden interpretiert.

 

Dieses Empfinden oder auch religiöse Wissen stößt immer wieder auf Kritik und Widerstand des Normal-Bewusstseins. Denn dieses Empfinden widerspricht oft dem Normal-Empfinden, der einfachen Alltags-Denken und auch dem Anspruch auf wissenschaftliche Logik.

 

Religion verbindet sich oft mit Politik und Macht und stützt dann eine bestimmte gesellschaftliche Situation. Oft ist es auch gerade umgekehrt: Im Namen der Religion wendet man sich gegen eine bestimmte Politik und gegen bestimmte Machtverhältnisse.

 

Das macht die Analyse oft schwierig. Denn oft berufen sich zwei widerstreitende Parteien auf die Religion. Im Extremfall berufen sie sich auf die gleiche heilige Schrift, die jedoch verschieden interpretiert wird. Das Ergebnis: der Kampf von Religionen, religiösen Gruppierungen und Konfessionen  untereinander.

 

 

Kosmopolitische Religiosität
 

Religionen sind im Trend, doch die religiöse Bindung gegenüber Religionsgemeinschaften geht zurück. Dies gilt vor allem für den Westen. Der Grund ist unter anderem: Die Religionen haben sich in ihrer Praxis sehr weit vom Denken der kritischen und aufgeklärten Menschen entfernt. Eine wichtige Frage lautet: Wie müsste eine Religion beschaffen sein, dass sie akzeptierbar ist auch bei  modern denkenden, kritischen, geistig unabhängigen Menschen?

 

Meine Vision ist eine kosmopolitische Religiosität, ein aufgeklärtes Verständnis von Religion. Eine Religiosität, die die eigene Tradition schätzt und ehrt, die aber auch andere Religionen respektiert und achtet, immer unter der Voraussetzung, dass eine Religion dem Menschen hilfreich ist und dem Frieden unter Menschen dient. 

 

Schauen wir auf eine Parallele in der Politik: früher galt nur das eigene Volk, die eigene Nation. Erst viel später in der Entwicklung der Menschheit entstand der Gedanke: Wir sollten Kosmopoliten sein, sollten uns als Bürgerinnen und Bürger  der Welt verstehen, und wir sollten uns als Brüder und Schwestern sehen, unabhängig von Nation, Hautfarbe, Religion.
 

Was bedeutet dieser Gedanke für die Religionen? In einer Zeit, die noch geprägt ist von  Krieg und Streit zwischen den Religionen, mit mühsam errungenen Annäherungen und herben Rückschlägen?
 

Ich versuche eine Antwort zu geben aus der Sicht der Philosophie, die der Vernunft, der Ratio, verpflichtet ist. Nicht aus der Sicht einer Konfession, die etwas glauben muss, weil es eine Organisation oder heilige Schrift so vorschreibt. Philosophieren bedeutet immer: Ja zum Nachdenken, ja zum Zweifeln, nicht zum blinden Glauben. Dennoch schreibe ich auch mit christlichem Hintergrund: Ich fühle mich einem „freien Christentum“ verbunden, wie es Albert Schweitzer sah: ein freies Christentum ohne Dogma. 

 

Religion in einer globalen Welt
 

Religionen prägen Menschen und Völker. Wer unsere Welt verstehen will, muss auch etwas über Religionen wissen. Wie sollte in einer globalen Welt  Religion aussehen? Wie sollte sie praktiziert werden? Ich meine: Wir müssen uns verabschieden vom Konzept einer „einen wahren und einzig richtigen Religion“. Wie wir Kosmopoliten in politischer Hinsicht sein können,  können wir auch religiöse Kosmopoliten sein. Diese geistige Freiheit war früher den meisten Menschen verwehrt. Denn die Mächtigen in Welt und Religion haben dieses Denken mit Acht und Bann und Tod bestraft. Heute ist  dieses kosmopolitische Denken auch in puncto Religion möglich. Dies ist eine große Chance für den Frieden in der Welt. Es gibt keinen Weltfrieden ohne den Frieden unter den Religionen.


Religion. Herkunft des Wortes und Definition:

Betrachten wir die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Re-ligio. Was bedeutet das Wort? Das Wort  religio  wird abgeleitet von lat. re-legere =  beachten und auch von lat. re-ligare = rück-binden. Ein homo religiosus  ist nach Cicero (1.Jh v.Chr.) ein Mensch, der die heiligen Gesetze beachtet. Er weiß sich an sie gebunden und fühlt sich ihnen gegenüber verpflichtet. Es sind dies die Gesetze gegenüber Mitmensch, Gemeinschaft, Staat, Natur, Götterwelt, dem Göttlichen Logos.
 

Religion wird heute meist wie folgt verstanden: Das Überzeugtsein  von einem Göttlichen (Götter, Gott, göttliche Werte). Religion ist meist organisiert  in Religionsgemeinschaften. Sie haben meist feste Rituale, Gebräuche, Gesetze.
 

Kern der Religionen ist das religiöse Empfinden, das Sich-im-Einklang-fühlen, Sich-Eins fühlen mit höchsten Werten: Gott, das Göttliche, Weltengeist, Schöpfer und Schöpfung etc. 
 

Im Namen der Religion geschieht täglich vieltausendfach Gutes und Edles, ebenso auch Gewalttätiges und Schlimmes. Dies mahnt zu besonderer Wachsamkeit. Denn das religiöse Bedürfnis des Menschen kann leicht instrumentalisiert werden.  Die Kraftquelle Religion kann positiv wie negativ kanalisiert werden, kann positive wie negative Folgen haben: Liebe, Güte, Stärke, Mut, Barmherzigkeit, Gemeinschaft, gesellschaftlichen  Zusammenhalt, hohe kulturelle Leistungen etc., aber ebenso auch Fanatismus,  Intoleranz, Ausgrenzung, Gewalt, Krieg…


Typologien der Religionen

Wir müssen als moderne und kritische Menschen wissen, dass es völlig verschiedene Typen von Religionen gibt. Näheres dazu in   meinem Buch “Religion und Religionen. Wesen und Kern” Offenbach 2006.

- theistische (monotheistische und polytheistische) / non-theistische Religionen

- Deismus /  Pantheismus /  Panentheismus

- natürliche Religionen  /  Offenbarungsreligionen

- nicht missionierende Religionen / missionierende Religionen

- Religionen der Askese und Weltflucht / Religionen der Lebensfreude

 

Dimensionen der Religion
 

Die bekannteste Einteilung religiöser Dimensionen ist die  folgende von Ninian Smart (ir.-brit. Religionswissenschaftler,  1927 - 2001) :

- soziale-institutionale   (Zusammenleben, Institutionen)

- praktisch-rituelle   (Fest, Feier, Kult)

- erfahrungsmäßige-emotionale  (persönl. Erfahrungen, Gefühle, Empfindungen)

- mythische-narrative    (Mythen,  Erzählungen, Legenden)

- materiale-künstlerische   (Kunstwerke, Bauwerke, Musik, Poesie etc.)

- rechtliche-ethische   (Gesetze, Gebote, Frage nach dem richtigen Verhalten)

- doktrinale  (Lehren, Glaubensaussagen, Dogmen)

Was bedeutet dies konkret? Jede Religion kann man untersuchen hinsichtlich der genannten   Dimensionen. Nicht jede Religion und nicht jeder religiöse Mensch legt gleich viel Wert auf  die jeweiligen Dimensionen. Es gibt Religionen mit reichen Kunstwerken, und es gibt Religionen, in denen Kunst oder Musik eine untergeordnete Rolle spielen. Es gibt welche mit reichem Mythenschatz und welche mit geringem. Es gibt Religionen mit starken Institutionen und welche mit schwachem Institutionalisierungsgrad. Es gibt Religionen mit fester Glaubensdoktrin,  und es gibt Religionen ohne jegliche Dogmatik. Das gleiche gilt für Mitglieder einer Religion: z.B.: es gibt Menschen, die sehr gläubig sind, aber im Alltag nicht danach leben. Andere praktizieren voller Überzeugung die  Gebote, halten aber überhaupt nichts von der  Glaubenslehre. Oder: der Musiker in einer Religionsgemeinschaft mag voller Begeisterung der religiösen Musik leben, aber mit der Dogmatik kann er nicht viel anfangen. Denken wir an Mozart und seine geniale geistliche Musik. - Religion und Religionen kann man also sehr vielschichtig und in verschiedenen Dimensionen und Ebenen untersuchen.

 

Religionen aus kosmischer und kosmopolitischer Sicht
 

Die Gottesbilder und Heiligen Schriften der Hochreligionen entstanden  zu einer Zeit, als man die Erde als Scheibe ansah und als Zentrum des Universums, und viele Heilige Schriften empfinden ihre Sichtweise als die einzig richtige, sind geprägt von Rivalitätsdenken und Kampf gegen Andersdenkende:  
 

- Veden ca. 1500 v.Chr.

- Moses ca. 1200 v.Chr.

- Zarathustra, Buddha, Laotse, Konfuzius ca. 500 v.Chr. 

- Jesus und NT  1.-2. Jh. n.Chr.

- Mohammed  7. Jh.n.Chr.

 

Heute wissen wir: unsere Erde ein kleiner Stern ist inmitten von Milliarden von Sonnensystemen. Die einzelnen Weltbilder und Religionen sind Kinder dieses Universums.  Wir sollten heute nicht mehr reden von richtiger oder falscher Religion. Genau so wenig wie von richtiger oder falscher Sprache, richtiger oder falscher Musik. Es gibt verschiedene Religionen, verschiedene Sprache, verschiedene Musik…Wir sollten uns an der Vielfalt freuen.
 

Wir müssen Brücken sehen und Brücken bauen zwischen den einzelnen Religionen und Weltanschauungen. Wir müssen auch Brücken bauen zu einem Weltbild, das aus erkenntnis-theoretischen  Gründen von Gott und Transzendenz keine Aussage machen will, das sich aber dennoch den Werten der Humanität und des Friedens verpflichtet fühlt. Meine Überzeugung ist: Jeder soll nach seiner Facon glücklich und selig werden - also auch mit seiner Religion und Weltanschauung, - sofern er keinem anderen Schaden zufügt. 
 

Eine weitere Überzeugung: Ein gebildeter Mensch, ob Jude, Christ, Muslim, Buddhist, Taoist  etc.  hat das Recht, seine  Religion so formulieren zu können, dass sie mit dem heutigen Denken und Fühlen kompatibel ist. Das heißt:  naturwissenschaftliche Erkenntnisse bzgl. Astrophysik, Evolution, Ideen der Demokratie, Gleichberechtigung von Mann und Frau etc.  müssen einfügen können in die Aussagen der Religion. Eine Religion, die sich dagegen sperrt, verliert langfristig die klugen, gebildeten, geistig unabhängigen Menschen. Es bleibt dann nur noch das geistig abhängige Volk. Dennoch: Wo es viele Schafe gibt, braucht man auch gute Hirten. Zu hoffen ist, dass die  Hirten ihren Schäflein einen Weg der Gewaltlosigkeit und des Friedens und des Glücks auf dieser Erde weisen. Das gilt für alle Religionen.
 

Gerade gut ausgebildete Menschen wenden sich heute oft von ihrer Religion ab. Der Grund: Weil die Religionen in ihren Aussagen und in ihren Formen nicht mehr ihre Sprache spricht, oder gar ihrem Denken und Fühlen entgegensteht. Wie also müsste eine Religion beschaffen sein, dass sie Anklang findet auch bei modern denkenden, kritischen, geistig unabhängigen Menschen? Dass sie nicht nur die Herzen erreicht, sondern dass der ganze Mensch dahinter stehen kann, mit Herz und Verstand?

 

Wichtig: Grundkonsens

In einer globalen Welt müssen sich Religionen einigen auf  einen Grundkonsens:

Gewaltfreiheit, Religionsfreiheit, Achtung der Menschenwürde, Wertschätzung des  Dialogs, im Gegensatz zu einer Welt des Kampfes, der Gier, des Hasses, des Machtstrebens, der Dominanz, der Ausbeutung, des Materialismus, des Profits um jeden Preis…

Vor allem auch: Die Sprache einer Religion muss kompatibel sein mit dem Weltbild. Sprache ist hier gemeint als Gesamtheit  von Sprache, Dichtung, Poesie, Symbole, Musik, Rituale, Kunst etc.. Es muss eine Sprache sein, die verstanden und angenommen werden kann, im Einklang sein kann mit der Vernunft, dem Weltbild und der Ethik einer Gesellschaft.

 

“Glauben” heute.
 

Glauben kann und sollte wieder das bedeuten, was es von Anfang an war. Ein kleiner historischer Rückblick: Das germanische Wort glouben, geloven, glauben, bedeutet: annehmen, vermuten, für wahr halten, aber auch: eine Überzeugung haben. Bereits in vorchristlicher Zeit bezieht sich dieses Wort auch auf ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Mensch und Göttern. Das Wort „glauben“ wurde seit dem 8. Jh. n.Chr. benutzt, um das griechische pisteuein = glauben und das lateinische credere = glauben auszudrücken.  Das griechische Wort pistis = Glaube bedeutete aber auch und vor allem: Vertrauen, Treue, Versprechen, Zuverlässigkeit, Bürgschaft, Pfand, Gelöbnis, Vertrag, Bündnis. Es bedeutete also eine Grundhaltung dem Leben gegenüber: das Vertrauen in den anderen, das Vertrauen, dass es das Leben und die kosmischen Kräfte,  die Götter, gut mit mir meinen. Die Römer übersetzten pisteuein = glauben mit zweierlei Wörtern: credere = jemandem glauben, Vertrauen schenken, an jemanden glauben, z.B. credere deos = Götter für wahr halten; und weiterhin benutzten sie das Wort fides = Vertrauen, Glaube, Kredit, Treue, Zuverlässigkeit, Glaubwürdigkeit, Versprechen, Ehrenwort, Eid, Schwur, Treuegelöbnis, Fahneneid; fides war für die römischen Soldaten der Treue-Eid auf Kaiser und Reich. Die Eidesformel bezeugte die Bereitschaft, für Kaiser und Reich zu sterben.  Unter fides = Glaube verstand man in der Spätantike und in der Zeit der Staatskirche eine juristische Formel, ein  vorformuliertes Bekenntnis: Es signalisierte die Loyalität gegenüber Kaiser und Reich, später Papst und  Religion. - Heute betont man in der religiösen Sprache: Glaube ist Vertrauen. Es ist die Bereitschaft, sich dem Göttlichen bzw. Gott, der göttlich empfundenen Wirklichkeit, den guten Kräften des Kosmos  anzuvertrauen. 
 

Wir benutzen das Wort im Deutschen in mehreren verschiedenen Bedeutungen: 1. im Alltagsgebrauch, 2. in einem psychologischen Sinn, 3. in einem philosophischen,  4. in einem theologischen Sinn. - 1. Ich glaube, er kommt. Ich glaube, es ist etwa acht Uhr. In der Alltagssprache bezeichnet „glauben“ eine rational begründete Annahme. 2. Ich glaube an mich. Ich glaube an Dich. Ich glaube, ich kann Deinem Wort trauen. Ich glaube und hoffe, dass ich die Kraft zum richtigen Leben finde. Hier bezeichnet „glauben“ das Vertrauen in Personen oder Kräfte auf Grund bisher gemachter  Erfahrungen. 3. Ich glaube, dass es besser ist wenn ich Gutes tue statt Schlechtes, dass Liebe wertvoller ist als Hass, dass Friede besser ist als Krieg. Hier bezeichnet „Glaube“ eine ethische und philosophische  Entscheidung, die auf einer persönlichen Erfahrungen beruht. 4. Ich glaube an einen persönlichen Gott. Oder: Ich glaube an den einen und dreifaltigen Gott. Oder: Ich glaube an den einen Gott Allah, und Mohammed ist sein Prophet. Hier bedeutet „glauben“ also die Treueformel zur Formulierung, wie sie von einer Religion oder Konfession vorgeschrieben wird.
 

“Glauben” wird in Zukunft sich nicht mehr decken mit dem Bekenntnis zu einer  institutionalisierten Glaubensformel. Für philosophisch und naturwissenschaftlich geschulte Menschen ist Glaube das Richtig- und Für-Wahr-Halten von geistigen Überzeugungen und seelisch gespürten Wahrheiten. Dass sich die Erde um die Sonne dreht, das glaube ich nicht, das weiß ich durch  Beobachtungen und Berechnungen. Aber: Ich glaube an den Kapitalismus oder den Kommunismus oder die soziale Marktwirtschaft; ich glaube, dass Mann und Frau gleiche Würde und gleichen Wert haben; ich glaube, dass mir eine bestimmte Einstellung zum Leben und zum Tod  gut tut und mir hilft  etc. … Solche Sätze kann man nicht beweisen, auch wenn man davon überzeugt ist. Man muss Begründungen liefern, warum man davon überzeugt ist; man muss Vertrauen in die eigene Argumentation und Erfahrung spüren; man ist  sich bewusst, dass ein anderer Mensch zu einem anderen Ergebnis kommen kann. 

 

Und so bedeutet ”glauben” heute für kritisch glaubende Menschen das, wie wir es bei großen Gestalten des Glaubens kennen gelernt haben: z.B.:
 

- Vertrauen haben in die positiven Kräfte des Kosmos,

  in das Göttliche oder das was wir Gott nennen.


- Vertrauen darauf, dass ich auf die Kräfte der Liebe und Menschlichkeit

  setzen darf, auch wenn viele schlechte Erfahrungen dem entgegenstehen.


- Vertrauen darauf, dass mein und unser Leben einen tiefen Sinn hat.


- Vertrauen, dass das einfache Leben mehr Erfüllung bringt Leben in Luxus.


- Vertrauen darauf, dass die Materie und das Messbare 

   nicht die einzige Wirklichkeit ist.


- Vertrauen, dass die Liebe und Wahrheitsliebe wichtiger ist als Macht

  und Gewinn und Profit.


- Vertrauen darauf, dass Rücksicht besser ist als Selbstsucht und Egoismus.


- Vertrauen darauf, dass das Eintreten für Fairness und Gerechtigkeit besser ist

  als ein Leben der Ungerechtigkeit, Gleichgültigkeit oder Resignation.


- Vertrauen darauf, dass ich gegebenenfalls die Kraft habe, für diese Werte einzustehen, im Extremfall sogar mit seinem Leben, - so wie es Jesus von Nazareth oder Sokrates oder Ghandi oder Giordano Bruno oder Bonhoeffer oder Alfred Delp und viele andere getan haben. Aus Überzeugung gegenüber einem tief gefühlten Herzensanliegen heraus, nicht gegenüber einer Glaubensformel.

 

Was das Christentum lernen muss
 

Glaube wurde notwendigerweise vor 3000 Jahren anders formuliert als heute, als unbestritten das Recht der Stärkeren galt,  Männer unbestritten über Frauen herrschten, Große über die Kleinen, als man die Erde eine Scheibe wähnte und Gott über den Wolken, eine Staatsform wie Demokratie undenkbar und der Gedanke an Millionen anderer Sternensysteme in weiter Ferne.
 

Auch der jüdisch-christliche Glaube hat sich zu formen begonnen  vor  ca. 3000 bzw. 2000 Jahren. Immer gemäß den Einsichten  und der Weltsicht der Menschen. Dabei sind viele Formulierungen herangewachsen, die wir heute anders sehen und anders formulieren  dürfen und müssen. Viele Formulierungen  kann man heute nur noch verstehen als Ergebnis früherer Welt- und Gottesbilder.
 

Sicher werden viele Christen an herkömmlichen Formulierungen hängen. Eine Änderung liebgewordener Denk- und Glaubensgewohnheiten fällt nicht leicht.  Wenn es einem Menschen und seiner Umwelt lebensdienlich ist, sollte man ihm seinen Glauben und seine Formen lassen. Aber langfristig, wenn das Christentum Chancen auch bei kritischen und geistig aufgeklärten Menschen haben will, müssen manche liebgewordene Formulierungen neu interpretiert werden.


Aus philosophischer Sicht müsste die christliche Theologie einige der zentralen Aussagen neu formulieren bzw. interpretieren oder zumindest die Versuche einer Neuinterpretation nicht verurteilen.
 

Es muss deutlich werden, dass man in der Sprache der Religion mehrere Sprachebenen benutzen kann: Die Alltagssprache, die jeder Mensch verstehen können sollte; die Sprache der Dichtung und Poesie, des Mythos und der Legenden, in der man alles mögliche sagen und erzählen und erfinden kann; die Sprache der Theologen, Philosophen und Tiefenpsychologen, die viel Interessantes beitragen dürfen im freien Spiel der Gedanken und Assoziationen, und wo Spreu und Weizen oft eng beieinander liegen und schwer auseinander zu halten sind; die Sprache der Wissenschaft, die oft nur von wenigen verstanden wird, und bei der auch oft genug leider das Gefühl auf der Strecke bleibt.
 

Vor allem muss klar werden, dass theologische Aussagen heute selbstverständlich symbolisch gedeutet werden dürfen und müssen. 

Es ist auf Dauer nicht tragbar, wenn man unter Theologen davon ausgeht, dass man es mit Symbolaussagen zu tun hat, dass man dies aber dem Volk nicht sagen will:  „Das dürfen Sie so aber nicht predigen!“ oder: “Das darf man dem Volk so aber nicht sagen!” Die Überzeugung, die Symbolsprache werde dem Mysterium des Lebens und Gottes besser gerecht als die Normal-Sprache, führte dazu, dass man diese zur Wahrheit erhob. Die kirchliche Hierarchie glaubt seither meist, der einfache Mensch, der Laie, das Schaf, verstehe nur die einfache Sprache; Schäflein brauchen die Schäfleinsprache, sonst werden sie verunsichert; eine klare Sprache könnte „für einfache Herzen sehr irreführend“ sein, sie vom Glauben abfallen lassen.  Aber diese Rechnung geht m.E. auf Dauer nicht auf. In unserer aufgeklärten Welt mit einem hohen Anteil von gut ausgebildeten Kirchenmitgliedern ist es nicht zweckdienlich und schon gar nicht gottes-dienlich, wenn man weiterhin die Laien für nur begrenzt urteilsfähig hält oder gar für dumm hält. Der heutige moderne Laie ist in vielerlei Hinsicht oft besser ausgebildet und kritisch informiert als so mancher Hirte.

 

Die entscheidenden Informationen bezüglich Religion und Glaube müssen so ausgedrückt werden können, dass es mit der Vernunft bzw. des heutigen Menschen vereinbar ist bzw. mit seiner “Übervernunft” in Einklang zu bringen ist.

 

Außerdem muss offen gesagt werden, dass in früheren Jahrhunderten durch die Irrwege dogmatischen Denkens und machtpolitischen Handelns viel Blut geflossen ist. Das kann man nicht tief genug bedauern, und man muss alles tun, dass es nie wieder geschieht.
 

Thesen und Beispiele

 

Zur Symbolsprache: Alles religiöse Sprechen ist Symbolsprache. Rede von Gott oder dem Göttlichen ist dennoch möglich. Es muss uns aber bewusst sein, dass Gott immer größer ist. Deus semper maior! Gott als theistischer Monarch ist nicht haltbar. Gott umfasst Natur, Mensch, Kosmos.  - Rede von Gott ist aber möglich als Quelle des Seins, des Lebens, der Liebe. In symbolischer Form dürfen wir sprechen von Vater und Mutter, Schöpfer, Weltengeist und in vielen anderen Bildern. Auch in Zeiten, da wir wissen, dass es Millionen von Galaxien gibt. Das Entscheidende dieses Bildes ist eine wunderbare Aussage: dass wir uns als Menschen in dieser Welt trotz  Not und Tod und Leid von einer großen und liebenden Kraft, die wir im Westen Gott nennen, angenommen und geliebt fühlen dürfen.


Zur Evolutionslehre: Das biblische Bild einer abgeschlossenen und vollkommenen Schöpfung, in die die Menschen hineingeschaffen wurden und dann wieder vertrieben wurden, muss korrigiert werden. Es kann nur als Mythos und Symbol verstanden werden. Es ist ein Symbol dafür, dass diese Welt alles andere als vollkommen ist, und für die Sehnsucht des Menschen nach einer besseren und vollkommenen Welt.
 

Zur Jungfrauengeburt: Eine wörtliche, biologisch verstandene Jungfrauengeburt ist nicht haltbar. Es ist Symbolsprache, die Sprache aus der orientalischen und antiken Poesie und Erzählfreude, wie sie sich auch zeigen in  Geburtsmythen von Athene, Herkules, Alexander, Caesar, Kaiser Augustus, aber auch von Buddha, Laotse  etc.  Es ist Symbol dafür, dass das neue Leben besondere, ja göttliche Bedeutung hat. Und es ist Symbol dafür, dass alle Menschenleben, alles Leben, von dem umfasst ist, was wir Gott nennen.

 

Zum Wunder: Die Geschichten von Wundern im Neuen Testament und später sollten nicht als übernatürliches Eingreifen Gottes gedeutet werden. Manches muss aufgefasst werden  als Gemeinde-Theologie, als Erzählfreude, als Übertreibung im Dienste der Verkündigung - optima fide - und entsprechend entmythologisiert werden. Und sicher gibt es wirkliche Wunder, aber diese geschehen nicht gegen, sondern mit den Energien des Kosmos und des umfassenden Göttlichen.
 

Zur Erlösung: Die Vorstellung, dass ein liebender Gott seinen Sohn zu den Menschen auf die Welt schickt, um ihn dort grausam foltern zu lassen, ist  barbarisch. Sie basiert auf einer frühen Gottesvorstellung, die von Rache und Buße dominiert ist, nicht von Güte und Liebe.


Zu Auferstehung und Himmelfahrt: Die Auferstehung  und Himmelfahrt muss überdacht werden, sollte nicht körperlich-materialistisch gedeutet werden, sondern symbolisch. Das Ja zur Orientierung an der Botschaft Jesu sollte nicht davon abhängig sein, ob er nach dem Tode leiblich in den Himmel aufgefahren ist. Es ist auch in Ordnung, wenn seine sterbliche Hülle irgendwo begraben liegt. Die entscheidende Aussage dieses Bildes ist: Sein Geist lebte in seiner Gemeinschaft weiter, und er lebt und wirkt bis heute weiter.


Zur Entstehung der Religion: Die Heiligen Schriften der Religionen, auch der christlichen, sind nicht vom Himmel gefallen in Form von Steinplatten oder Papyrusrollen. Sie haben sich entwickelt. Sie haben große geschichtliche Bedeutung erlangt. Aber ihre Vorschriften und Gebote sind geschichtlich bedingt. Sie  gelten nicht ein für allemal. Sie sind immer auch interpretationsbedürftig und auch ergänzungsbedürftig. Denn überall, in allen Sprachen, in allen Kulturen, in allen Religionen, entwickelt sich der schöpferische Geist. Der Geist kann sich verirren, und er kann sich zum Guten hin entwickeln. Keine Kultur, keine Nation, keine Religion kann einen Blanko-Scheck für sich beanspruchen.


Zum Gebet: Gebet sollte nicht gesehen werden als Bitte, um bestimmte Handlungen einer Gottheit zu veranlassen. Gebet aber ist sinnvoll und wertvoll. Gebet und Meditation tragen bei, offen zu werden für die Welt außerhalb meines eigenen oft engen Lebens, offen für das Andere und für die anderen, für die umgreifende Welt und unsere Aufgabe darin. In Gebet und Meditation können wir oft sehr intensiv die Kraft erfahren, die wir Gott nennen. Das Sprechen mit Gott ist ein wunderbares Symbol: Der Mensch verbindet sich mit der umgreifenden Energie, theologisch gesprochen: dem unendlichen Göttlichen. Dies kann ihm viel geben und schenken: Frieden, Freude, Kraft, Zufriedenheit, Erfüllung, Glück, Dankbarkeit.

 

Zur Heiligenverehrung: Verehrung von besonderen Menschen, von Heiligen und Bildern mag sinnvoll sein. Sie können dem einen Menschen auf dem Weg zum Göttlichen helfen, dem anderen nicht.  Man kann heute Gott sei Dank beide Wege wählen: bildhaft oder bilderlos. Der Bilderstreit ist ein Relikt aus der Spätantike, als sich das frühe Christentum sich mit der Antike verband: die  vom Judentum geprägten Christen waren selbstverständlich gegen Bilder von Gott und Jesus, die Christen in der Tradition griechischer und römischer Antike liebten Bilder. Nach langwierigen Kämpfen im so genannten „Bilderstreit“ wurden sie schließlich als Hilfe religiöser Praxis gestattet. Heute sollte man großherzig beide Wege gelten lassen.


Zur so genannten Erbsünde: Es gibt keine Erbsünde oder Urschuld. Der Begriff basiert auf dem Mythos von der Schuld des Menschen zu Beginn der Schöpfung. Augustinus entwickelt erst im 5. Jahrhundert nach Christus die Theorie von der Erbsünde, die durch geschlechtliche Fortpflanzung weitervererbt wird. Er hatte als ehemaliger Manichäer eine extrem negative Weltsicht entwickelt und implantierte sie ins Christentum. So ging sie ein in die christliche Dogmatik. Unser gesunder theologischer Menschenverstand sagt uns heute: Ein neugeborenes Kind ist nicht mit dem Makel der Sünde behaftet. Dann müsste man den Schöpfergott einen Murkser und Pfuscher nennen. Ein neugeborenes Kind ist ein Wunder, etwas Göttliches, in der Sprache der Theologie: ein Kind Gottes. Und wenn wir Glück und Gnade haben, reift das Göttliche in allen heran. Dies ist die positive christliche Sichtweise. Erbsünde kann man als Symbol sehen, dass Menschsein immer auch strukturell gefährdet ist vom Unvollkommenen und Bösen auf dieser Welt. 


Leben nach dem Tod: Das Leben nach dem Tod ist eine der großen Hoffnungen, die das Christentum bietet. Das Christentum bietet diese Hoffnung nicht nur Pharaonen und Königen, Heroen und perfekten Menschen an, sondern allen Menschen, auch dem kleinen und unbedeutenden Menschen. Auch Judentum und Islam sprechen vom ewigen Leben der menschlichen Seele.  Ein schönes Bild, das die monotheistischen Religionen der Welt schenken! - Die Möglichkeit des Fortlebens der menschlichen Seele nach dem Tod ist philosophisch gesehen eine Theorie. Die Hoffnung auf ewiges Leben sollte unabhängig gedacht werden von der Idee der Belohnung oder Bestrafung durch Gott. Wenn die Seele unsterblich ist, dann ist es ein natur-immanentes  und damit auch seelen-immanentes Prinzip und Gesetz. Dann gilt es für alle Seelen.


DEUS CARITAS EST. Gott ist Liebe. Nur die Liebe zählt.

Alle Menschen sind, theologisch und symbolisch gesprochen, Ebenbild Gottes. Unabhängig von Rasse, Hautfarbe, Sprache, Volkszugehörigkeit, Geschlecht, sexueller Orientierung. Nur Güte und Liebe zählen. Nicht dürre Worte oder Dogmen, sondern die gelebte Praxis.


 

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