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Glauben heute.
Religion und Glaube in der globalen Welt.


Der Dumme schaut auf die Verschiedenheit der Religionen,
der Weise auf das Gemeinsame.   Sprichwort aus China

Kosmopolitische Religiosität

Religionen sind im Trend. Doch die Religionen haben sich weit vom Denken der kritischen und aufgeklärten Menschen entfernt. Eine wichtige Frage lautet deshalb: Wie muss eine Religion beschaffen sein, die akzeptierbar ist auch bei  modern denkenden, kritischen, geistig unabhängigen Menschen? - Meine Vision ist eine aufgeklärte Religion, eine  kosmopolitische Religiosität. Eine Religiosität, die die eigene Tradition  schätzt und ehrt, die aber auch andere Religionen respektiert und achtet, immer unter der Voraussetzung, dass eine Religion dem Menschen hilfreich ist und dem Frieden unter Menschen dient.  Ich gebe meine Antwort aus der Sicht der Philosophie, die der Vernunft, der Ratio, verpflichtet ist.

Philosophieren bedeutet immer: Ja zum Nachdenken, ja zum Zweifeln, Nein zum blinden Glauben.

Religion und Glaube. Definitionen

Betrachten wir die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Re-ligio. Was bedeutet das Wort? Das Wort  religio  wird abgeleitet von lat. re-legere =  beachten und auch von lat. re-ligare = rück-binden. Ein homo religiosus  ist nach Cicero (1.Jh v.Chr.) ein Mensch, der die heiligen Gesetze beachtet. Er weiß sich an sie gebunden und fühlt sich ihnen gegenüber verpflichtet. Es sind dies die Gesetze gegenüber Mitmensch, Gemeinschaft, Staat, Natur, Götterwelt, dem Göttlichen Logos. Religion wird heute meist wie folgt verstanden: Das Überzeugtsein  von einem Göttlichen (Götter, Gott, göttliche Werte). Religion ist meist organisiert  in Religionsgemeinschaften. Sie haben meist feste Rituale, Gebräuche, Gesetze.

Kern der Religionen ist das religiöse Empfinden, das Sich-im-Einklang-fühlen, Sich-Eins fühlen mit höchsten Werten: Gott, das Göttliche, Weltengeist, Schöpfer und Schöpfung etc. 

Die Gottesbilder und Heiligen Schriften der Hochreligionen entstanden  zu einer Zeit, als man die Erde als Scheibe ansah und als Zentrum des Universums, und viele Heilige Schriften empfinden ihre Sichtweise als die einzig richtige, sind geprägt von Rivalitätsdenken und Kampf gegen Andersdenkende:  

- Veden ca. 1500 v.Chr.
- Moses ca. 1200 v.Chr.
- Zarathustra, Buddha, Laotse, Konfuzius ca. 500 v.Chr. 
- Jesus und NT  1.-2. Jh. n.Chr.
- Mohammed  7. Jh.n.Chr.

Heute wissen wir: unsere Erde ein kleiner Stern ist inmitten von Milliarden von Sonnensystemen. Die einzelnen Weltbilder und Religionen sind Kinder dieses Universums. 

Wir sollten heute nicht mehr reden von richtiger oder falscher Religion. Genau so wenig wie von richtiger oder falscher Sprache, richtiger oder falscher Musik. Es gibt verschiedene Religionen, verschiedene Sprache, verschiedene Musik… Wir sollten uns an der Vielfalt freuen. - Wir müssen Brücken sehen und Brücken bauen zwischen den einzelnen Religionen und Weltanschauungen. Wir müssen auch Brücken bauen zu einem Weltbild, das aus erkenntnis-theoretischen  Gründen von Gott und Transzendenz keine Aussage machen will, das sich aber dennoch den Werten der Humanität und des Friedens verpflichtet fühlt.

Eine weitere Überzeugung: Ein gebildeter Mensch, ob Jude, Christ, Muslim, Buddhist, Taoist  etc.  hat das Recht, seine  Religion so formulieren zu können, dass sie mit dem heutigen Denken kompatibel ist.

Das heißt:  Naturwissenschaftliche Erkenntnisse bzgl. Astrophysik, Evolution,  Ideen der Demokratie, Gleichberechtigung von Mann und Frau etc.  müssen sich einfügen können in die Aussagen der Religion.

Eine Religion, die sich dagegen sperrt, verliert langfristig die klugen, gebildeten, geistig unabhängigen Menschen. Es bleibt dann nur noch das geistig abhängige Volk. Dennoch: Wo es viele Schafe gibt, braucht man auch gute Hirten. Zu hoffen ist, dass die  Hirten ihren Schäflein einen Weg der Gewaltlosigkeit und des Friedens und des Glücks auf dieser Erde weisen. Das gilt für alle Religionen.

Gerade gut ausgebildete Menschen wenden sich oft von ihrer Religion ab. Die Gründe: Weil die Religionen in ihren Aussagen und in ihren Formen nicht mehr ihre Sprache spricht, oder gar ihrem Denken und Fühlen entgegensteht. Wie also müsste eine Religion beschaffen sein, dass sie Anklang findet auch bei  kritischen, geistig unabhängigen Menschen? Dass der ganze Mensch dahinter stehen kann, mit Herz und Verstand?

In einer globalen Welt müssen sich Religionen einigen auf  einen Grundkonsens:

Gewaltfreiheit, Religionsfreiheit, Achtung der Menschenwürde, Wertschätzung des  Dialogs,
im Gegensatz zu einer Welt des Kampfes, der Gier, des Hasses, des Machtstrebens, der Dominanz, der Ausbeutung, des Materialismus, des Profits um jeden Preis…

Vor allem auch:
Die Sprache einer Religion muss kompatibel  sein mit dem  Weltbild. Sprache ist hier gemeint als Gesamtheit  von Sprache, Dichtung, Poesie, Symbole, Musik, Rituale, Kunst etc.. Es muss eine Sprache sein, die verstanden und angenommen werden kann, im Einklang sein kann mit der Vernunft, dem Weltbild und der Ethik einer Gesellschaft.

“Glauben” heute

Glauben kann und sollte wieder das bedeuten, was es von Anfang an war.

Ein historischer Rückblick: Das germanische Wort glouben, geloven, glauben, bedeutet: annehmen, vermuten, für wahr halten, aber auch: eine Überzeugung haben. Bereits in vorchristlicher Zeit bezieht sich dieses Wort auch auf ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Mensch und Göttern. Das Wort „glauben“ wurde seit dem 8. Jh. n.Chr. benutzt,  um das griechische pisteuein = glauben und das lateinische credere = glauben auszudrücken. 
Das griechische Wort pistis = Glaube bedeutete aber auch und vor allem: Vertrauen, Treue, Versprechen, Zuverlässigkeit, Bürgschaft, Pfand, Gelöbnis, Vertrag, Bündnis. Es bedeutete also eine Grundhaltung dem Leben gegenüber: das Vertrauen in den anderen, das Vertrauen, dass es das Leben und die kosmischen Kräfte,  die Götter, gut mit mir meinen. Die Römer übersetzten pisteuein = glauben mit zweierlei Wörtern: credere = jemandem glauben, Vertrauen schenken, an jemanden glauben, z.B. credere deos = Götter für wahr halten; und weiterhin benutzten sie das Wort fides = Vertrauen, Glaube, Kredit, Treue, Zuverlässigkeit, Glaubwürdigkeit, Versprechen, Ehrenwort, Eid, Schwur, Treuegelöbnis, Fahneneid; fides war für die römischen Soldaten der Treue-Eid auf Kaiser und Reich. Die Eidesformel bezeugte die Bereitschaft, für Kaiser und Reich zu sterben.  Unter fides = Glaube verstand man in der Spätantike und in der Zeit der Staatskirche eine juristische Formel, ein  vorformuliertes Bekenntnis: Es signalisierte die Loyalität gegenüber Kaiser und Reich, später Papst und  Religion. - Heute betont man in der religiösen Sprache: Glaube ist Vertrauen. Es ist die Bereitschaft, sich dem Göttlichen bzw. Gott, der göttlich empfundenen Wirklichkeit, den guten Kräften des Kosmos  anzuvertrauen. 

Wir benutzen das Wort im Deutschen in mehreren verschiedenen Bedeutungen: 1. im Alltagsgebrauch, 2. in einem psychologischen Sinn, 3. in einem philosophischen,  4. in einem theologischen Sinn. - 1. Ich glaube, er kommt. Ich glaube, es ist etwa acht Uhr. In der Alltagssprache bezeichnet „glauben“ eine rational begründete Annahme. 2. Ich glaube an mich. Ich glaube an Dich. Ich glaube, ich kann Deinem Wort trauen. Ich glaube und hoffe, dass ich die Kraft zum richtigen Leben finde. Hier bezeichnet „glauben“ das Vertrauen in Personen oder Kräfte auf Grund bisher gemachter  Erfahrungen. 3. Ich glaube, dass es besser ist wenn ich Gutes tue statt Schlechtes, dass Liebe wertvoller ist als Hass, dass Friede besser ist als Krieg. Hier bezeichnet „Glaube“ eine ethische und philosophische  Entscheidung, die auf einer persönlichen Erfahrungen beruht. 4. Ich glaube an einen persönlichen Gott. Oder: Ich glaube an den einen und dreifaltigen Gott. Oder: Ich glaube an den einen Gott Allah, und Mohammed ist sein Prophet. Hier bedeutet „glauben“ also die Treueformel zur Formulierung, wie sie von einer Religion oder Konfession vorgeschrieben wird.

“Glauben” wird in Zukunft sich nicht mehr decken mit dem Bekenntnis zu einer  institutionalisierten Glaubensformel. Für philosophisch und naturwissenschaftlich geschulte Menschen ist Glaube das Richtig- und Für-Wahr-Halten von geistigen Überzeugungen und seelisch gespürten Wahrheiten. Dass sich die Erde um die Sonne dreht, das glaube ich nicht, das weiß ich durch  Beobachtungen und Berechnungen. Aber: Ich glaube an den Kapitalismus oder den Kommunismus oder die soziale Marktwirtschaft; ich glaube, dass Mann und Frau gleiche Würde und gleichen Wert haben; ich glaube, dass mir eine bestimmte Einstellung zum Leben und zum Tod  gut tut und mir hilft  etc. … Solche Sätze kann man nicht beweisen, auch wenn man davon überzeugt ist. Man muss Begründungen liefern, warum man davon überzeugt ist; man muss Vertrauen in die eigene Argumentation und Erfahrung spüren; man ist  sich bewusst, dass ein anderer Mensch zu einem anderen Ergebnis kommen kann.

Und so bedeutet ”glauben” heute für kritisch glaubende Menschen das, wie wir es bei großen Gestalten des Glaubens kennen gelernt haben: z.B.:

- Vertrauen haben in die positiven Kräfte des Kosmos,
  in das Göttliche oder das was wir Gott nennen.
- Vertrauen darauf, dass ich auf die Kräfte der Liebe und Menschlichkeit
  setzen darf, auch wenn viele schlechte Erfahrungen dem entgegenstehen.
- Vertrauen darauf, dass mein und unser Leben einen tiefen Sinn hat.
- Vertrauen, dass das einfache Leben mehr Erfüllung bringt Leben in Luxus.
- Vertrauen darauf, dass die Materie und das Messbare 
   nicht die einzige Wirklichkeit ist.
- Vertrauen, dass die Liebe und Wahrheitsliebe wichtiger ist als Macht
  und Gewinn und Profit.
- Vertrauen darauf, dass Rücksicht besser ist als Selbstsucht und Egoismus.
- Vertrauen darauf, dass das Eintreten für Fairness und Gerechtigkeit besser ist
  als ein Leben der Ungerechtigkeit, Gleichgültigkeit oder Resignation.
- Vertrauen darauf, dass ich gegebenenfalls die Kraft habe, für diese Werte einzustehen, im Extremfall sogar mit seinem Leben, - so wie es Jesus von Nazareth oder Sokrates oder Ghandi oder Giordano Bruno oder Bonhoeffer oder Alfred Delp und viele andere getan haben. Aus Überzeugung gegenüber einem tief gefühlten Herzensanliegen heraus, nicht gegenüber einer Glaubensformel.


Was das Christentum lernen muss

Glaube wurde notwendigerweise vor 3000 Jahren anders formuliert als heute, als unbestritten das Recht der Stärkeren galt,  Männer unbestritten über Frauen herrschten, Große über die Kleinen, als man die Erde eine Scheibe wähnte und Gott über den Wolken, eine Staatsform wie Demokratie undenkbar und der Gedanke an Millionen anderer Sternensysteme in weiter Ferne.

Auch der jüdisch-christliche Glaube hat sich zu formen begonnen  vor  ca. 3000 bzw. 2000 Jahren. Immer gemäß den Einsichten  und der Weltsicht der Menschen. Dabei sind viele Formulierungen herangewachsen, die wir heute anders sehen und anders formulieren  dürfen und müssen. Viele Formulierungen  kann man heute nur noch verstehen als Ergebnis früherer Welt- und Gottesbilder.

Sicher werden viele Christen an herkömmlichen Formulierungen hängen. Eine Änderung liebgewordener Denk- und Glaubensgewohnheiten fällt nicht leicht.  Wenn es einem Menschen und seiner Umwelt lebensdienlich ist, sollte man ihm seinen Glauben und seine Formen lassen. Aber langfristig, wenn das Christentum Chancen auch bei kritischen und geistig aufgeklärten Menschen haben will, müssen manche liebgewordene Formulierungen neu interpretiert  werden.

Aus philosophischer Sicht müsste die christliche Theologie einige der zentralen Aussagen neu formulieren bzw. interpretieren oder zumindest die Versuche einer Neuinterpretation nicht verurteilen.

Es muss deutlich werden, dass man in der Sprache der Religion mehrere Sprachebenen benutzen kann: Die Alltagssprache, die jeder Mensch verstehen können sollte; die Sprache der Dichtung und Poesie, des Mythos und der Legenden, in der man alles mögliche sagen und erzählen und erfinden kann; die Sprache der Theologen, Philosophen und Tiefenpsychologen, die viel Interessantes beitragen dürfen im freien Spiel der Gedanken und Assoziationen, und wo Spreu und Weizen oft eng beieinander liegen und schwer auseinander zu halten sind; die Sprache der Wissenschaft, die oft nur von wenigen verstanden wird, und bei der auch oft genug leider das Gefühl auf der Strecke bleibt.

Vor allem muss klar werden, dass theologische Aussagen heute selbstverständlich symbolisch gedeutet werden dürfen und müssen. 

Es ist auf  Dauer nicht tragbar, wenn man unter Theologen davon ausgeht, dass man es mit Symbolaussagen zu tun hat, dass  man dies  aber dem Volk nicht sagen will:  „Das dürfen Sie so aber nicht predigen!“ oder: “Das darf man dem Volk so aber nicht sagen!” Die Überzeugung, die Symbolsprache werde dem Mysterium des Lebens und Gottes besser gerecht als die Normal-Sprache, führte dazu, dass man diese zur  Wahrheit erhob. Die kirchliche Hierarchie glaubt seither meist, der einfache Mensch, der Laie, das Schaf,  verstehe nur die einfache Sprache; Schäflein brauchen die Schäfleinsprache, sonst werden sie verunsichert; eine klare Sprache könnte „für einfache Herzen sehr irreführend“ sein, sie vom Glauben abfallen lassen.  Aber diese  Rechnung geht m.E. auf  Dauer nicht auf. In unserer aufgeklärten Welt mit einem hohen Anteil von gut ausgebildeten Kirchenmitgliedern ist es nicht zweckdienlich und schon gar nicht gottes-dienlich, wenn man weiterhin die Laien für nur begrenzt urteilsfähig hält oder gar für dumm  hält. Der heutige moderne Laie ist  in vielerlei Hinsicht oft besser ausgebildet und kritisch informiert als so mancher Hirte.

Die entscheidenden Informationen bezüglich Religion und Glaube müssen so ausgedrückt werden können, dass es mit der Vernunft bzw. des heutigen Menschen vereinbar ist bzw. mit seiner “Übervernunft” in Einklang zu bringen ist.

Außerdem muss offen gesagt werden, dass in früheren Jahrhunderten durch die Irrwege dogmatischen Denkens und machtpolitischen Handelns viel Blut geflossen ist. Das kann man nicht tief genug bedauern, und man muss alles tun, dass es nie wieder geschieht.

Thesen und Beispiele

Zur Symbolsprache:
Alles religiöse Sprechen ist Symbolsprache. Rede von Gott oder dem Göttlichen ist dennoch möglich. Es muss uns aber bewusst sein, dass Gott immer größer ist. Deus semper maior! Gott als theistischer Monarch ist nicht haltbar. Gott umfasst Natur, Mensch, Kosmos.  - Rede von Gott ist aber möglich als Quelle des Seins, des Lebens, der Liebe. In symbolischer Form dürfen wir sprechen von Vater und Mutter, Schöpfer, Weltengeist und in vielen anderen Bildern. Auch in Zeiten, da wir wissen, dass es Millionen von Galaxien gibt. Das Entscheidende dieses Bildes ist eine wunderbare Aussage: dass wir uns als Menschen in dieser Welt trotz  Not und Tod und Leid von einer großen und liebenden Kraft, die wir im Westen Gott nennen, angenommen und geliebt fühlen dürfen.

Zur Evolutionslehre:
Das biblische Bild einer abgeschlossenen und vollkommenen Schöpfung, in die die Menschen hineingeschaffen wurden und dann wieder vertrieben wurden, muss korrigiert werden. Es kann nur als Mythos und Symbol verstanden werden. Es ist ein Symbol dafür, dass diese Welt alles andere als vollkommen ist, und für die Sehnsucht des Menschen nach einer besseren und vollkommenen Welt.

Zur Jungfrauengeburt:
Eine wörtliche, biologisch verstandene Jungfrauengeburt ist nicht haltbar. Es ist Symbolsprache, die Sprache aus der orientalischen und antiken Poesie und Erzählfreude, wie sie sich auch zeigen in  Geburtsmythen von Athene, Herkules, Alexander, Caesar, Kaiser Augustus, aber auch von Buddha, Laotse  etc.  Es ist Symbol dafür, dass das neue Leben besondere, ja göttliche Bedeutung hat. Und es ist Symbol dafür, dass alles Menschenleben von dem umfasst ist, was wir Gott nennen.

Zum Wunder:
Die Geschichten von Wundern im Neuen Testament und später sollten nicht als übernatürliches Eingreifen Gottes gedeutet werden. Manches muss aufgefasst werden  als Gemeinde-Theologie, als Erzählfreude, als Übertreibung im Dienste der Verkündigung - optima fide - und entsprechend entmythologisiert werden. Und sicher gibt es wirkliche Wunder, aber diese geschehen nicht gegen, sondern mit den Energien des Kosmos und des umfassenden Göttlichen.

Zur Erlösung:
Die Vorstellung, dass ein liebender Gott seinen Sohn zu den Menschen auf die Welt schickt, um ihn dort grausam foltern zu lassen, ist  barbarisch. Sie basiert auf einer frühen Gottesvorstellung, die von Rache und Buße dominiert ist, nicht von Güte und Liebe.

Zu Auferstehung und Himmelfahrt:
Die Auferstehung  und Himmelfahrt muss überdacht werden, sollte nicht körperlich-materialistisch-naturalistisch gedeutet werden, sondern symbolisch. Das Ja zur Orientierung an der Botschaft Jesu sollte nicht davon abhängig sein, ob er nach dem Tode leiblich in den Himmel aufgefahren ist. Es ist auch in Ordnung, wenn seine sterbliche Hülle irgendwo begraben liegt. Die entscheidende Aussage dieses Bildes ist: Sein Geist lebte in seiner Gemeinschaft weiter, und er lebt und wirkt bis heute weiter. Eine zusätzliche über-naturalistische Interpretation ist  möglich, muss aber als Glauben-Hoffnung gut begründet werden.

Zur Entstehung der Religion:
Die Heiligen Schriften der Religionen, auch der christlichen, sind nicht vom Himmel gefallen in Form von Steinplatten oder Papyrusrollen. Sie haben sich entwickelt. Sie haben große geschichtliche Bedeutung  erlangt. Aber ihre Vorschriften und Gebote sind geschichtlich bedingt. Sie  gelten nicht ein für allemal. Sie sind immer auch interpretationsbedürftig und auch ergänzungsbedürftig. Denn überall, in allen Sprachen, in allen Kulturen, in allen Religionen, entwickelt sich der schöpferische Geist. Der Geist kann sich verirren, und er kann sich zum Guten hin entwickeln. Keine Kultur, keine Nation, keine Religion kann einen Blanko-Scheck für sich beanspruchen.

Zum Gebet:
Gebet sollte nicht gesehen werden als Bitte, um bestimmte Handlungen einer Gottheit zu veranlassen. Gebet aber ist sinnvoll und wertvoll. Gebet und Meditation  tragen bei, offen zu werden für die Welt außerhalb meines eigenen oft engen Lebens, offen für das Andere und für die anderen, für die umgreifende Welt und unsere Aufgabe darin. In Gebet und Meditation können wir oft sehr intensiv die Kraft erfahren, die wir Gott nennen. Das Sprechen mit Gott ist ein wunderbares Symbol: Der Mensch verbindet sich mit der umgreifenden Energie, theologisch gesprochen: dem unendlichen Göttlichen. Dies kann ihm viel geben und schenken: Frieden, Freude, Kraft, Zufriedenheit, Erfüllung, Glück, Dankbarkeit.

Zur Heiligenverehrung:
Verehrung von besonderen Menschen, von Heiligen und Bildern  mag sinnvoll sein. Sie können dem einen Menschen  auf dem Weg zum  Göttlichen helfen, dem anderen nicht.  Man kann heute Gott sei Dank beide Wege wählen: bildhaft oder bilderlos. Der Bilderstreit ist ein Relikt aus der Spätantike, als sich das frühe Christentum sich mit der Antike verband: die  vom Judentum geprägten Christen waren selbstverständlich gegen Bilder von Gott und Jesus, die Christen in der Tradition griechischer und römischer Antike liebten Bilder. Nach langwierigen Kämpfen im so genannten „Bilderstreit“ wurden sie schließlich als Hilfe religiöser Praxis gestattet. Heute sollte man großherzig beide Wege gelten lassen.

Zur so genannten Erbsünde:
Es gibt keine Erbsünde oder Urschuld. Der Begriff basiert auf dem Mythos von der Schuld des Menschen zu Beginn der Schöpfung. Augustinus entwickelt erst im 5. Jahrhundert nach Christus die Theorie von der Erbsünde, die durch geschlechtliche Fortpflanzung weitervererbt wird. Er hatte als ehemaliger Manichäer  eine extrem negative Weltsicht entwickelt und implantierte sie ins Christentum. So ging sie ein in die christliche Dogmatik. Unser gesunder theologischer Menschenverstand sagt uns heute: Ein neugeborenes Kind ist nicht mit dem Makel der Sünde behaftet. Dann müsste man den Schöpfergott einen Murkser und Pfuscher nennen. Ein neugeborenes Kind ist ein Wunder, etwas Göttliches, in der Sprache der Theologie: ein Kind Gottes. Und wenn wir Glück und Gnade haben, reift das Göttliche in allen heran. Dies ist die positive christliche Sichtweise. Erbsünde kann man als Symbol sehen, dass Menschsein immer auch strukturell gefährdet ist vom Unvollkommenen und Bösen auf dieser Welt. 

Leben nach dem Tod:
Das Leben nach dem Tod ist eine der großen Hoffnungen, die das Christentum bietet. Das Christentum bietet diese Hoffnung  nicht nur Pharaonen und Königen, Heroen und perfekten Menschen an, sondern allen Menschen, auch dem kleinen und unbedeutenden Menschen. Auch Judentum und Islam sprechen vom ewigen Leben der menschlichen Seele.  Ein schönes Bild, das die monotheistischen Religionen der Welt schenken! Die Möglichkeit des Fortlebens der menschlichen Seele nach dem Tod ist philosophisch gesehen eine Theorie. Die Hoffnung auf ewiges Leben sollte unabhängig gedacht werden von der Idee der Belohnung oder Bestrafung durch Gott. Wenn die Seele unsterblich ist, dann ist es ein natur-immanentes  und damit auch seelen-immanentes Prinzip und Gesetz. Dann gilt es für alle Seelen. - Für viele Menschen ist es eine feste Gewissheit, dass das, was wir Seele nennen, nach dem Tod weiter lebt:  auf  bisher wissenschaftlich nicht erklärbare Weise. Diese  Gewissheit braucht man nicht in Frage zu stellen. Das materialistisch-naturalistische Weltbild ist ja erweiterbar. Aber philosophisch und kenntnistheoretisch gesehen ist es aufrichtiger, wenn man bei metaphysischen Aussagen nicht von Wahrheit oder wissenschaftlich belegbarer Erkenntnis spricht, sondern redlicherweise von Glaubens-Hoffnung und Glaubens-Gewissheit.

Gott ist Liebe, nur die Liebe zählt:
Alle Menschen sind, theologisch und symbolisch gesprochen, Ebenbild Gottes. Unabhängig von Rasse, Hautfarbe, Sprache, Volkszugehörigkeit, Geschlecht, sexueller Orientierung. Nur Güte und Liebe zählen. Nicht dürre Worte oder  Dogmen, sondern die gelebte Praxis.

Deshalb schließe ich mit Worten, die sich an Jesus-Worte anlehnen.
Es sind eigentlich nicht Gebote, sondern Angebote.
Sie machen unser Leben reicher, lebenswerter und friedlicher.

Du darfst Gott und das Göttliche ehren in jedem Menschen,
jeder Religion, jeder Nation,
jeder Hautfarbe, jeden Standes, jeden Geschlechts,
jeder sexuellen Orientierung.
Ein zweites ist ihm gleich:
Du sollst Deinen Nächsten lieben als dich selbst.
Tu ihm Gutes, nicht Böses.
Und ein drittes sage ich euch:
Du sollst der Religion und den religiösen Gefühlen
deines Nächsten mit Respekt begegnen.
Auch und gerade wenn du ihm nicht zustimmst.
Der Frieden beginnt in uns. Der Friede sei mit Euch.

P.H.